Hermann Ieland

Wenn das Fremde nahe ist und das Nahe fremd wird
In vielen westlichen Ländern ist ein zunehmender Trend zum Populismus und ein vermeintlicher Rechtsruck erkennbar. Man liest viel von nationalen Interessen, einer vermeintlichen Überfremdung, einer Verrohung der gesellschaftlichen Strukturen, einer Zunahme der Kriminalität und einem Verlust des innenpolitischen Friedens. Man spürt, dass sich viele Bürger mit Zuwanderung und fremden Kulturen schwer tun und sich einfachen, populistischen Meinungen, egal ob von links oder rechts, zuwenden.
In diesem Zusammenhang frage ich mich: Was unterscheidet uns eigentlich von Menschen, die anders sind oder erst seit Kurzem in unserem Land leben? Was macht Nationalität aus? Warum fällt es uns so schwer, offen und tolerant durchs Leben zu gehen?
Alle uns heute bekannten menschlichen Gesellschaften sind das Ergebnis von Zu- und Abwanderung. Das war schon immer so. Menschen kommen in ein Land, andere verlassen es wieder. Welche Kriterien gibt es also, um von einem Mitbürger zu sprechen? Was macht es aus, dass man sagen kann, man habe die gleiche Nationalität?
Ist es die gemeinsame Staatsangehörigkeit? Es gibt Länder – zum Beispiel Zypern –, in denen man die Staatsbürgerschaft kaufen kann. Oder ist es die gemeinsame Sprache? Grundsätzlich kann jeder, der die Motivation und Disziplin aufbringt, eine neue Sprache lernen. Oder ist es die gemeinsame Hautfarbe oder ein ähnlicher Körperbau? Im Lotteriespiel der Genetik ist es reiner Zufall, wie wir aussehen und welche Eigenschaften wir haben. Ich selbst werde trotz meiner rein deutschen Herkunft nach meinem Sommerurlaub oft einer südländischen Herkunft zugeordnet, da ich einfach schnell braun werde. Ist es die gemeinsame Religion? Jeder Mensch kann sich heute aus den großen Themenläden der Religionen aussuchen, woran er glauben möchte. Er kann das auch immer wieder ändern. Menschen treten in Religionsgemeinschaften ein und aus. Ist es der gemeinsame Wohnort? Gerade im europäischen Binnenraum kann jeder EU-Bürger frei wählen, wo er leben möchte. Ist es das gemeinsame Verständnis von sogenannten Werten und Traditionen? Auch diese unterliegen einem ständigen Wandel und werden von jedem anders interpretiert. Oder ist es die Tatsache, dass die Vorfahren eine gemeinsame Nationalität haben? Nun, das ist meiner Meinung nach der einzige Punkt, mit dem sich die Nationalität ansatzweise erklären ließe. Aber auch das ist Zufall und eigentlich ein schwaches Argument. Denn wer weiß schon, welche Nationalität die Großelterngeneration hatte? Gerade in Einwanderungsländern wie Deutschland, den USA oder Großbritannien ist das kaum noch nachvollziehbar. Daraus lässt sich schließen, dass sich die Nationalität überhaupt nicht definieren lässt und dass es sich dabei um eine menschliche Erfindung handelt, die gegen alle Naturgesetze verstößt, da sie die Vermischung der Genpools der Menschen verhindert.
Der heutige Populismus zielt zwar auf die Nationalität ab, verfolgt aber ganz andere Ziele. Er versucht, einfache und unvollständige Antworten und Parolen auf Probleme zu geben, die meist seit Jahren bekannt, aber nie wirklich gelöst wurden. Die moderne Politik in den westlichen Ländern kaschiert lieber die Symptome, anstatt die Probleme zu lösen. Hier setzt der Populismus an und bietet vermeintlich einfache Lösungen, die auch für Menschen mit begrenztem geistigen Horizont verständlich sind. Der kritische, aber auch meist fruchtbare Diskurs wird vermieden, indem Menschen bewusst gegeneinander abgegrenzt und mit meist zufällig gewählten Kriterien aufgestachelt werden. So werden Menschen, die einer bestimmten Religion angehören, die Sprache nur gebrochen sprechen oder einfach anders aussehen, als anders und damit unerwünscht dargestellt. Auf der anderen Seite verhindert der Populismus, dass sich Menschen in bestehende Systeme integrieren und Teil von ihnen werden. Oft liest man von Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, aber weder die Sprache noch die gesellschaftlichen Umgangsformen übernehmen oder Kontakte über ethnische Grenzen hinweg knüpfen. Gegenseitige Abgrenzung, Milieubildung und Intoleranz sind die Folge. Das betrifft Menschen, deren Vorfahren schon hier lebten, aber auch solche, die neu hinzukommen. Entspricht es der menschlichen Natur, unter sich bleiben zu wollen und alles Fremde und Ungewohnte als potenzielle Gefahr anzusehen? Ich denke schon, denn auch wir Menschen sind evolutionär dem Wettbewerb um lebensnotwendige Ressourcen untereinander ausgesetzt. Eine Gemeinschaft unter vermeintlich Gleichen oder Gleichgesinnten macht das Leben einfacher und ungefährlicher – das ist unser evolutionäres Erbe.
Was sind die eigentlichen Gründe für die steigende Kriminalität und die innenpolitische Instabilität? Ich denke, ein Hauptgrund ist schlicht und einfach Staatsversagen. Ein Staat, der mehr Ressourcen in die Ahndung von Geschwindigkeitsübertretungen, einen überdimensionierten und überregulierten Verwaltungsapparat, Finanzbeamte und eine lähmende Regierung mit Räten überall investiert als in die Justiz, die Strafverfolgungsbehörden oder den Strafvollzug, schafft Anreize, kriminell zu werden. Denn wenn man gegen das Strafgesetzbuch verstößt, um sich zu bereichern, hat man wenig zu befürchten. Aber gnade dir Gott, wenn du deine Steuern nicht bezahlen kannst oder in deiner unternehmerischen Tätigkeit Vorschriften vernachlässigst.
Der zweite Grund ist ein wirtschaftlicher und ein überall auf der Welt zu beobachtendes Muster. Wenn Menschen keine Perspektive mehr sehen, sich durch Arbeit Wohlstand in Form von Wohneigentum, einer ausreichenden Altersvorsorge und einem gesunden Arbeitsumfeld zu schaffen, dann resignieren sie, werden kriminell oder es kommt zu innenpolitischen Unruhen. Das ist ein Muster, das sich durch die Geschichte, insbesondere in Deutschland, zieht. Ein Paradebeispiel ist die Weimarer Republik. Innenpolitischer Frieden entsteht immer dann, wenn den Menschen auch nur eine kleine Chance gegeben wird, durch eigene Arbeit und Anstrengung ein besseres Leben zu führen. Man lenkt sie von der Politik ab, indem man sie mit Arbeit und Alltag beschäftigt. Doch wenn Arbeitsplätze abgebaut werden oder es nicht einmal mehr diese kleine Chance gibt, ist das gefährlich. Dann bleibt den einfachen Menschen, denen der Weg in die Politik und die direkte Einflussnahme auf unsere Regierung verwehrt bleibt – wie es vor allem in Deutschland der Fall ist –, nur der einfache Weg: Sie gehen auf die Straße, verfallen dem Populismus oder begehen Straftaten. Gerade Menschen, denen unser Rechts- und Gesellschaftssystem egal ist, neigen dazu – egal, ob sie neu zugewandert sind oder schon seit Generationen in Deutschland leben. Ich denke, das erklärt die starken Veränderungen in unserem Land. Es sind dann der pure Opportunismus, Ellenbogenmentalität und der evolutionäre Wettkampf um Ressourcen, sei es um Wohneigentum, Gesundheit oder Geld. Die entscheidende Frage ist: Wem nutzt der Populismus? Aus der Geschichte lernen wir, doch nur denen, die ihn verbreiten. Er bringt ihnen Macht und Einfluss. Deutschland ist dafür anfällig. Deshalb sollte man sich immer überlegen, wer profitiert – wie bei allem im Leben. Und will man das unterstützen?

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